Wohnen, Leben und Arbeiten im Gleichgewicht"
Beim Ortsmarketing geht es nach der Analyse nun an die Umsetzung konkreter Maßnahmen
„Haßloch - ein Dorf im Einklang" lautet das „übergreifende Thema", das sich bei der Ortsmarketing-Studie herauskristallisiert hat. Nach viermonatiger Bestandsaufnahme soll es jetzt an die Umsetzung der geplanten Maßnahmen gehen, an der sich die Bürger beteiligen sollen.
Bei einem Gespräch mit der RHEINPFALZ erläuterten Stefan Gaier von der Steinbeis Management Beratung (Baden-Baden) und Bürgermeister Hans-Ulrich Ihlenfeld den Stand des Ortsmarketing-Prozesses, bei dem vier Arbeitskreise mit über 60 Bürgern die Bereiche Einzelhandel, Wirtschaft und Infrastruktur, Wohnen, Leben und Kultur sowie Tourismus und Gastronomie analysiert hatten (wir berichteten ausführlich am 15. Juli).
Die Stärken Haßlochs, die dabei herausgestellt worden sind, sollen nun gebündelt werden. Die Gemeinde bewege sich „zwischen Anspannung und Entspannung" erläuterte Gaier. „Anspannung" stehe beispielsweise für die Lage Haßlochs angebunden an die Metropolregion Rhein-Neckar und nahe der Autobahn, „Entspannung" für Ruhe und Erholung in seinem natürlichen Umfeld mit Wald und Feldern. Zwischen diesen Polen habe sich das „Dorf im Einklang" entwickelt, das „Wohnen, Leben und Arbeiten im Gleichgewicht" biete. Nach Ansicht Gaiers ist diese Ausgewogenheit ein „Alleinstellungsmerkmal", das andere Kommunen in der Region nicht aufzuweisen hätten. Typisch für Haßloch sei zwar seine dörfliche Struktur, aber die Bürger müssten dank der vorhandenen Infrastruktur - beispielsweise Schulen, Geschäfte, Schwimmbad - keine Nachteile des Dorflebens in Kauf nehmen.
„Haßloch wird oft unterschätzt", meint Gaier. Man müsse die Breite des vorhandenen Angebots erkennen. Stichworte sind hier unter anderem die Kombination von Lebensqualität, Freizeit und Arbeit, die hier möglich sei, der „Wohlfühlfaktor" und „Wohnen wie im Urlaub". Aus solchen Stärken könne ein „intelligentes Modell für neues Wohnen, Leben und Arbeiten" entwickelt werden. Gaier: „In Haßloch kann etwas Besonderes auf die Beine gestellt werden, das sogar Modellcharakter bekommen könnte."
Wie das in der Praxis aussehen könnte, zeigt das Beispiel Wirtschaftsförderung und Gewerbeansiedlung. Die Wertschöpfung, insbesondere im Bereich Dienstleistung, müsse hier gehalten werden, war eine der Leitlinien, die beim Ortsmarketing herausgearbeitet wurden. Das bedeutet, dass wichtige Betriebe betreut und neue angesiedelt werden sollen. Als konkrete Maßnahme wird statt einer beliebigen Ansiedlung die gezielte Ansprache von Unternehmen empfohlen, auf der Basis von Branchenschwerpunkten (Logistik, regionale Produkte, Metallverarbeitung). Industrieserviceunternehmen könnten angesiedelt werden, die für die vorhandenen Betriebe bestimmte Dienstleistungen übernehmen. Oder ein lokales „Bündnis für Ausbildung" könne zusammen mit der BASF-Initiative für Ausbildung auf die Beine gestellt werden.
„Positiv-Spirale in Gang gesetzt"
Im Bereich Ortskern/Einzelhandel soll die gute innerörtliche Versorgungsstruktur erhalten und ausgebaut werden, gleichzeitig aber auch die nicht weniger wichtige Funktion des Gewerbegebiets Süd stabilisiert werden. Die Abstimmung der Sortimente zwischen Ortskern und „grüner Wiese", die sich ergänzen sollten, sieht Gaier als wichtige Maßnahme, die beiden Nutzen bringen könnte. „Großer Einkauf" draußen, kleinere Besorgungen innerorts: Eine solche Vernetzung könne für Gewerbegebiet wie Zentrum eine Chance sein, den hohen Abfluss von Kaufkraft (55 Prozent) zu stoppen. Ihlenfeld räumte ein, dass bei diesem Thema der „Spagat" für die Gemeinde nicht leicht sei. Attraktivität sei nicht nur im Zentrum, sondern auch im Gewerbegebiet Süd nötig.
Daneben vermisst Gaier im Ortskern das „Einkaufserlebnis". Ein solches könne mit einer Markthalle, in der regionale Produkte verkauft werden, geschaffen werden. Bedarf bestehe in Sortimentstiefe und Auswahl. Beispielsweise im Textilbereich wünschten sich auch die vorhandenen Geschäfte mehr Konkurrenz. Sehr gut in die Zielsetzung passe der geplante Verbrauchermarkt im Zentrum.
Um „Frequenzbringer" anzulocken, müsse geprüft werden, welche Anforderungen diese haben, dann solle an Haßlochs Standortfaktoren nachgebessert werden, bevor Investoren gezielt angesprochen werden. Anzustreben sei aber ein gesunder Mix von Ketten und inhabergeführten Geschäften. In diesem Zusammenhang wies Ihlenfeld auf den Investorenwettbewerb für das Anwesen Heyd hin, der derzeit vorbereitet und bald anlaufen werde.
Im Bereich Tourismus soll laut Gaier der „Schlüssel" gefunden werden, wie das Potenzial des Holiday Parks mit seinen 1,1 Millionen Besuchern auch für Haßloch genutzt werden könnte. Als Ideen nannte er, einen Campingplatz am Holiday Park „anzudocken", ein Angebot „Rad und Wein" zu entwickeln, die „Naherholer" aus der Region gezielt anzusprechen und „Cluburlaub im Dorf". Mit Letzterem ist gemeint, die vielen Sportmöglichkeiten für den Tourismus zu nutzen. Dafür müssten sich freilich die Sportvereine öffnen, die aber von solchen Angeboten für Urlauber selbst profitieren könnten.
In Haßloch besteht nach Ansicht von Gaier die Chance für einen Gegenentwurf zu der verbreiteten Entwicklung, dass die Ortskerne immer mehr aussterben - durch Konzepte wie die Nutzung der Blockinnenbereiche und „neues Leben in alten Höfen". Ihlenfeld sieht die Möglichkeit, die Innenbereiche für Wohnbebauung zu erschließen und sie gleichzeitig durch die Anlegung von Fuß- und Radwegen für die Allgemeinheit zu öffnen.
Das lokale „Bündnis für Familien" sollte ins Kommunalmarketing einbezogen werden, regte Gaier an. Es mache keinen Sinn, dass unter dem Dach der Gemeinde zwei solche Prozesse laufen, die nicht koordiniert werden.
Der Bürgermeister sieht durch das Ortsmarketing eine „Positiv-Spirale" in Gang gesetzt, die „Baustein für Baustein" die Gemeinde voranbringen werde.
("Rheinpfalz" vom 08.09.2006)