Jun 27, 2006

60 Haßlocher ExpertInnen analysieren Stärken und Schwächen des Standortes

„Viele Pluspunkte – aber erst auf den zweiten Blick"

60 Bürger analysieren ihre Gemeinde: Wo liegen die Stärken Haßlochs, wo die Schwächen? Vier Arbeitskreise haben im Rahmen des Kommunalmarketing-Prozesses „Haßloch 2010" drei Tage lang die Bereiche Einzelhandel, Wirtschaft, Wohnen, Leben und Kultur sowie Tourismus unter die Lupe genommen. Aus den Ergebnissen sollen Ziele und konkrete Maßnahmen abgeleitet werden, um die vorhandenen Potenziale künftig besser zu nutzen.

Das Ortsmarketing wird, wie berichtet, von der Steinbeis Management Beratung (Baden-Baden) begleitet. In einer ersten Phase war gesichtet und ausgewertet worden, was an Gutachten und sonstigem Material zu Stärken und Schwächen Haßlochs bereits vorliegt. Anschließend wurden die vier Arbeitskreise gebildet, in denen jeweils 12 bis 18 örtliche Experten den Ist-Zustand analysierten. Anfang April werden jeweils vier Vertreter dieser Arbeitskreise aus dem Stärken-/Schwächenprofil strategische Ziele ableiten, um Haßloch im Wettbewerb mit anderen Kommunen neu zu positionieren. Ziel ist es, diejenigen Stärken zu bündeln, auf die sich die Gemeinde künftig konzentrieren sollte.

Die Projektleiter Stefan Gaier und Georg Villinger von Steinbeis berichteten bei einem Pressegespräch von den bisherigen Ergebnissen der Arbeitskreise, die nach insgesamt 34 Stunden die Analysephase nun abgeschlossen haben. Insgesamt verfüge Haßloch in allen Bereichen, die näher untersucht wurden, über Stärken, sagten die Fachleute – und das sei nicht in jeder Kommune so. Allerdings seien auch klare Schwächen herausgearbeitet worden.

Markthalle für „Erlebniseinkauf"

Der Arbeitskreis Einzelhandel habe positiv bewertet, dass die bedarfsorientierte tägliche Nahversorgung und wichtige Dienstleistungen im Ortskern vorhanden seien, sagte Gaier. Über eine Vernetzung mit der „grünen Wiese" und eine Sortiments-Abstimmung könne aber nachgedacht werden. Auch die Infrastruktur und die Verkehrsanbindung seien gut, daneben zeichne sich Haßloch durch „kurze Wege" und gute Parkmöglichkeiten aus. Als Pluspunkte habe der AK Einzelhandel auch das Bürgerbüro und den Rathausplatz herausgestellt. Bei der Platzgestaltung aber gebe es „Optimierungsmöglichkeiten" durch mehr (Erlebnis-)Gastronomie und weniger Stellplätze, um den Ortskern attraktiver zu machen. Den „lebendigen Ortskern" bezeichnete er als gute Basis für eine positive Entwicklung.

Als „Stellschrauben" dafür habe der AK ein „Wir-Gefühl" des Einzelhandels und gemeinsames, einheitliches Auftreten, geregelte Öffnungszeiten, Angebotsvernetzung und eine stärkere Kundenbindung genannt. Der „erlebnisorientierte" Einkauf müsse gefördert werden: So sei die Idee einer „Markthalle" entwickelt worden, mit regionalen Produkten, Wein und Imbissständen. Daneben fehle es dem Sortiment in Haßloch an Breite und Tiefe: In manchen Bereichen, so bei Textilien und Schuhen, sei die Auswahl zu gering. Lücken im Branchenmix, etwa bei CDs und Unterhaltungselektronik, gelte es zu schließen. Und natürlich sei ein „Frequenzbringer" von entscheidender Bedeutung. Als erste Maßnahme auf dem Weg, den Kaufkraftabfluss von 55 Prozent zurückzuholen, habe der AK ein Seminar für Einzelhändler angestoßen.

Wirtschaft „breit aufgestellt"

Der AK Wirtschaft habe als Stärken die gute Verkehrsanbindung und Lage Haßlochs, die Gewerbeflächen nahe an der Autobahn und die „gesunde mittelständische Struktur" genannt, sagte Georg Villinger. Mit 1400 angemeldeten Firmen, davon 800 Gewerbebetrieben im eigentlichen Sinne, sei Haßloch „breit aufgestellt". Eine Stärke sei gleichzeitig auch eine Schwäche: Wegen dieser Struktur gebe es keine eindeutigen Ansätze für „Wertschöpfungsketten" – also für eine gezielte Planung, was für Betriebe angesiedelt werden könnten, um vorhandene Branchen zu ergänzen. Chancen habe der AK Wirtschaft im Bereich Logistik (wegen der günstigen geographischen Lage) und Verpackung (wegen vorhandener Unternehmen) gesehen, möglicherweise auch in einer Kombination. Daneben seien Existenzgründung (Stichwort „Start-up-Village") und Landwirtschaft/Weinbau (Bereiche Forschung und Logistik) mögliche Ansatzpunkte.

Geringe Identifikation mit dem Ort

Gute Wohnbedingungen, Lebensqualität, historische Bausubstanz, Arbeitsplatzangebot in der Region sowie Natur, Erholung und Freizeit habe der AK Wohnen, Leben, Kultur als Stärken genannt, sagte Villinger. Auch die Größe Haßlochs mit 20.000 Einwohnern sei als optimal bezeichnet worden. Nachholbedarf bestehe aber bei der Nutzung der innerörtlichen Bausubstanz (Blockinnenbebauung), beim Ortsbild und im Verkehrsbereich. Daneben sei bemängelt worden, dass die Identifikation vieler Bürger mit ihrem Ort gering sei. Verbessert werden müsse das Image Haßlochs: Die Gemeinde biete viele Vorteile, „aber erst auf den zweiten Blick", so Villinger. Auffällig sei, dass Haßloch von außen ganz anders wahrgenommen werde als von innen.

Pferdesport besser vermarkten

Als Pluspunkte stellte der AK Tourismus laut Stefan Gaier das Vereinsleben, Freizeit- und Sportmöglichkeiten, Verkehrsanbindung und Bekanntheitsgrad heraus, daneben die Lage in der Nähe zu Wein, Natur, Kultur und Sehenswürdigkeiten sowie die touristische Infrastruktur (Rad- und Wanderwege, Holiday Park). Verbesserungspotenziale bestünden beim Ortsbild und der Nutzung des Etiketts „größtes Dorf". Auch könnten die Vereine touristische Angebote entwickeln. Ansätze habe der AK beim „Angebotsmix" der Themen Rad, Wein und Kultur gesehen, Chancen im Bereich „Rund um den Pferdesport". Als touristische Zielgruppe seien sowohl die Naherholer als auch „50 plus" genannt worden. Für diese Gruppen könnten noch mehr Angebote gebündelt werden.

Bürgermeister Hans-Ulrich Ihlenfeld (CDU) zeigte sich mit den bisherigen Ergebnissen zufrieden. Es habe sich gezeigt, dass Haßloch eine Vielzahl von Stärken aufweise, die über alle Bereiche verteilt seien. Diese gelte es nun im weiteren Kommunalmarketing-Prozess, der noch im ersten Halbjahr abgeschlossen werden soll, weiter zu fördern. (guh)