Ansprache zum Volkstrauertag 2008
Sonntag, 16. November 2008. 11.15 Uhr Friedhof an der Bahnhofstraße
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
der Volkstrauertag ist der zentrale Gedenktag zur Erinnerung an die Toten des Ersten und später des Zweiten Weltkrieges. Wir erinnern uns daran, dass alleine der Zweite Weltkrieg zu über 60 Millionen Toten geführt hat. Trotz der schrecklichen Bilanz der Kriege gab es nach dem Zweiten Weltkrieg nur 16 Tage ohne kriegerische Auseinandersetzungen in der Welt. Weit über 200 Kriege seit Ende des Zweiten Weltkrieges haben ebenfalls zu Millionen von Todesopfern geführt. Die Mahnung zum Frieden ist deshalb heute so wichtig wie zu allen Zeiten in der Vergangenheit. Die Liste der negativen Auswirkungen von Kriegen, aber auch von Hass und Gewalt ist lange und jüngste Ereignisse, die auch zum Tod deutscher Bundeswehrsoldaten geführt haben, zeigen uns wie nahe diese Wirkungen auch an uns sind.
Der Krieg und alles was dazu führt, gehört offensichtlich zur Natur des Menschen.
Das wusste schon im 14. Jahrhundert der italienische Dichter und Gelehrte Francesco Petrarca als er formulierte:
„Fünf große Feinde des Friedens wohnen in uns: nämlich Habgier, Ehrgeiz, Neid, Wut und Stolz. Wenn diese Feinde vertrieben werden könnten, würden wir zweifellos ewigen Frieden genießen."
Weil dies so ist, kann die Mahnung zum Frieden in der Welt letztendlich immer nur ein Symbol guten Willens und ein Ansporn für alle Menschen sein, Frieden zu schaffen.
Die Formulierung Petrarcas macht aber auch deutlich, dass Frieden nicht nur eine Aufgabe für internationale Beziehungen, für den Umgang der Völker miteinander ist, sondern dass der unmittelbare zwischenmenschliche Bereich und jede Form gesellschaftlichen Zusammenlebens Orte des Friedens sein müssen. Dies gilt für die Familie ebenso wie für die Kommune.
Die Mahnung zum Frieden und der Appell, man könnte auch sagen die Vision von einer friedvollen Welt, sind wichtig für unser eigenes Handeln und unser eigenes Bewusstsein.
Die verheerenden Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges haben immerhin in Deutschland und den benachbarten Ländern dazu geführt, dass wir seit über sechs Jahrzehnten von Krieg nicht mehr betroffen sind. Dazu gehören viele völkerrechtliche und wirtschaftliche Vorkehrungen im Zusammenspiel der Staaten in Europa, die man nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen hat, dazu gehört aber auch das Bewusstsein der Bürger in Europa, zusammen zu gehören und diese Zusammengehörigkeit nicht durch nationale Parolen zu zerstören.
Es gilt tatsächlich das Dichterwort: „Der Schmerz ist der große Lehrmeister der Menschen."
Seit 63 Jahren leben wir in Deutschland in Frieden und seit 18 Jahren ist unser Volk wieder vereint. Diese Errungenschaften sind für uns von überragender Bedeutung, auch wenn wir alle wissen, dass wir auch in Deutschland vollkommenen Frieden nicht schaffen können.
Die Hoffnung und die Vision vom Frieden in der Welt sind wir allen denjenigen schuldig, die in Kriegstagen vergeblich gehofft haben. - Die vergeblich auf Freiheit gehofft haben, die vergeblich gehofft haben heimzukehren und Angehörige wiederzusehen, die vergeblich gehofft haben gesund oder ohne Hunger zu sein.
Das Andenken an sie bewahren, Friedensarbeit in den Schulen und die Organisation von Jugendbegegnungen sind die zentralen Aufgaben der Deutschen Kriegsgräberfürsorge. Mit der Unterstützung dieser Organisation, für die wir heute sammeln, tragen Sie alle zur Gestaltung einer friedlichen Zukunft bei.
Das Jahr 2008 ist ein Jahr des besonderen Gedenkens an die Ereignisse der sogenannten Reichskristallnacht vor 70 Jahren.
In der Progromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 hatten Nazis in ganz Deutschland Geschäfte und jüdische Gotteshäuser in Brand gesetzt, Wohnungen demoliert und Bewohner misshandelt. In der offiziellen Bilanz des Terrors waren 91 Tote, 267 zerstörte Gottes- und Gemeindehäuser, sowie 7.500 verwüstete Geschäfte verzeichnet. Nach anderen Zählungen starben infolge der
Ausschreitungen weit mehr als 1.300 Menschen. Die Progromnacht war Auftakt der völligen Entrechtung der Juden in Deutschland, die im Holocaust mündete. Allein am 10. November wurden mehr als 30.000 Juden in Konzentrationslager verschleppt.
Auch in Haßloch waren die Wirkungen des Antisemitismus zu spüren. Wir kennen die Schilderungen von den Übergriffen in der Reichskristallnacht. Die jüdische Synagoge in der Gillergasse, aber auch zahlreiche jüdische Wohn- und Geschäftshäuser wurden zerstört. Von den nahezu 100 jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die vor der Machtergreifung in Haßloch lebten, waren 1934 noch 46 in unserem Ort, bis zum Oktober 1940 blieb niemand in unserer Gemeinde zurück. Sie alle mussten Haßloch verlassen, suchten Zuflucht bei Verwandten, emigrierten oder verloren ihr Leben im Konzentrationslager.
Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich bin im Zusammenhang mit dem Gedenken an die Reichskristallnacht mehrfach angesprochen worden, ob denn dieses Erinnern und das immer wieder aufs Neue Hervorheben der Ereignisse des Nationalsozialismus tatsächlich noch sein müsse und der richtige Weg sei. Die Fragesteller gehörten überwiegend einer Generation an, die bereits das Rentenalter erreicht hat und die sehr intensiv die Phasen der Aufarbeitung und des Erinnerns der Ereignisse des Nationalsozialismus in den zurückliegenden Jahrzehnten durchlebt hat. Doch es gibt viele Nachgeborene, viele junge Menschen, die mit der Aufarbeitung der Nazizeit nicht in dieser Weise befasst waren.
Tatsächlich geht es heute - in einer Zeit in der die Ereignisse viele Jahrzehnte zurückliegen und immer weniger Menschen selbst Zeugen des Dritten Reiches waren - keineswegs darum, uns immer wieder selbst als Deutsche zu stigmatisieren. Es geht nicht darum, dass wir heute immer wieder mit dem Finger auf unsere Vorfahren und deren Schuld zeigen, sondern es geht darum, dass wir uns - auch über 60 Jahre nach den verhängnisvollen Ereignissen der Nazizeit - unserer Geschichte bewusst sind und den Weg der Menschlichkeit und Versöhnung weiter beschreiten.
Dafür gibt es viele Beispiele, die ich an dieser Stelle in den letzten Jahren auch hervorgehoben habe.
Heute erkennen wir wie selbstverständlich: Die jüdischen Familien in Haßloch waren unsere Nachbarn und Mitbürger. Für sie war Haßloch Heimat, sie waren aber auch Teil unserer aller Heimat.
Die Mahnung zum Frieden - oder wenn Sie so wollen der erhobene Zeigefinger - sind heute weiterhin wichtig, denn die Ursache für Krieg und Auseinandersetzungen liegen nicht erst darin, dass wir Menschen irgendwann einmal den Entschluss fassen Krieg zu führen und damit all dieses Leid auf uns zu nehmen, sondern die Ursachen liegen sehr viel früher. Sie liegen in einer Gleichgültigkeit gegenüber Rassismus und Fremdenfeindlichkeit oder gegenüber Hass und Gewalt. Die Gleichgültigkeit ist - wie es Bundeskanzlerin Angela Merkel formuliert hat - der erste Schritt unverzichtbare Werte aufs Spiel zu setzen. Sie führen verstärkt durch äußere Umstände, durch die Macht von Medien, durch Massendynamik oder Demagogie zu einem geradezu zwanghaften Verhalten, das schließlich in Zerstörung, Krieg und Hass münden kann.
Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus dürfen in Europa „nie wieder eine Chance haben". Dazu müssen wir Symptome der Feindseligkeit frühzeitig erkennen können. Auch in unserer Region gibt es zunehmend braunes Gedankengut, wir kennen fremdenfeindliche Übergriffe und Feindseligkeiten gegen einzelne Bevölkerungsgruppen. Wir durchleben eine Finanzkrise, die im Extremfall zu existenziellen Notlagen und einer großen Kluft unterschiedlicher Bevölkerungskreise führen kann. Deshalb ist es wichtig, dass das Geschichtsbewusstsein und die Erinnerung an die Vergangenheit auch heute nicht gestrichen werden. Wie formulierte es Petrarca:
„Fünf große Feinde des Friedens wohnen in uns: Nämlich Habgier, Ehrgeiz, Neid, Wut und Stolz."
Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg, an Kinder, Frauen und Männer aller Völker.
Wir gedenken der Soldaten, die in den Weltkriegen starben, der Menschen, die durch Kriegshandlungen oder danach in Gefangenschaft als Vertriebene und Flüchtlinge ihr Leben verloren.
Wir gedenken derer, die verfolgt und getötet wurden, weil sie einem anderen Volk angehörten und einer Rasse zugerechnet wurden oder deren Leben wegen einer Krankheit oder Behinderung als lebensunwert bezeichnet wurde.
Wir gedenken derer, die ums Leben kamen, weil sie Widerstand gegen Gewaltherrschaft geleistet haben und derer, die den Tod fanden, weil sie an ihrer Überzeugung oder an ihrem Glauben festhielten.
Wir trauern um die Opfer der Kriege und Bürgerkriege unserer Tage, um die Opfer von Terrorismus und politischer Verfolgung, um die Bundeswehrsoldaten und anderen Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben verloren.
Wir gedenken heute auch derer, die bei uns durch Hass und Gewalt gegen Fremde und Schwache Opfer geworden sind.
Wir trauern mit den Müttern und mit allen, die Leid tragen um ihre Toten.
Haßloch, 16. November 2008
BM Hans-Ulrich Ihlenfeld














