Ansprache zum Volkstrauertag 2006
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
vielleicht ist es Ihnen heute schwer gefallen zu dieser Gedenkstunde anlässlich des Volkstrauertages hierher auf den Friedhof zu kommen. Nicht, weil Sie die Erinnerung an den Krieg und der Verlust von Angehörigen bis heute bedrückt, sondern weil Sie Mühe hatten, sich aus dem Alltag heraus auf diesen Gedenktag für die Opfer beider Weltkriege mit all ihren schlimmen Folgen einzustellen. Unser Leben im Beruf und in der Freizeit ist heute überhaupt nicht mehr von den Ereignissen und Folgen des Zweiten Weltkrieges geprägt – so empfinden wir es jedenfalls auf den ersten Blick.
Viele von Ihnen haben gestern Ihre Einkäufe getätigt, haben in Haus und Garten Arbeiten verrichtet, haben sich sportlich betätigt oder waren vielleicht eingeladen bei einer privaten Geburtstagsfeier. Ich selbst war Gast bei einer Tanzveranstaltung. Von Krieg oder menschlichem Leid war dort nichts zu spüren. Gibt es einen Grund sich all diese Begebenheiten in unserem Leben, bei denen wir uns zufrieden und glücklich fühlen, durch negative Gedanken trüben zu lassen?
Der Volkstrauertag hat seine Berechtigung. Er ist notwendig und sinnvoll.
Der Tag selbst hat eine lange und bewegte Vergangenheit. Seit 1924 veranstaltet der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge jährlich eine zentrale Gedenkfeier. Ziel war es zunächst, das Andenken an die Millionen von Kriegstoten des Ersten Weltkrieges am Leben zu erhalten. In den Jahren 1934 bis 1945 vereinnahmten die Nationalsozialisten den Tag als „Heldengedenktag“. Die ursprüngliche Sinngebung des Volkstrauertages blieb jedoch erhalten und wurde weitergeführt:
Seit 1952 begehen wir in Deutschland den Volkstrauertag als Gedenktag für die Opfer beider Weltkriege, aber auch für die Opfer von Willkür, Gewalt, Unmenschlichkeit und rücksichtslosem Machtstreben.
Wir gedenken heute der 10 Millionen Toten des Ersten Weltkrieges und der etwa 55 Millionen Toten des Zweiten Weltkrieges und das nach über 60 Jahren nach Ende des von den Nazis verursachten Krieges. Wir denken aber auch an die Millionen Opfer des Naziregimes. Eines Regimes, das für den Völkermord an Europas Juden steht und für die Ermordung vieler Tausender Sinti und Roma, ebenso wie politisch anders Denkenden, Christen und Menschen, die nicht in das unmenschliche Raster der Nazis passten.
Wenn wir am heutigen Volkstrauertag uns erinnern, dann auch daran, wie grausam und furchtbar Kriege sind. Dass gerade die Zivilbevölkerung – Frauen, Männer und Kinder – meist Hauptleidtragende kriegerischer Konflikte ist.
Trotz dieser schlimmen Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges führte die Menschheit seit dessen Ende zahlreiche weitere Kriege, so, als habe man aus dem „n i e w i e d e r“ von damals nichts gelernt. Ich erinnere hier nur an die Kriege in Afghanistan, im Irak, im Sudan oder in Israel und Palästina. Die Ursachen und die Zielrichtungen von Kriegen haben sich geändert. Kriege sind – nicht erst seit dem 11. September 2001 und den Anschlägen seit dem – ein globales weltweites Phänomen. Doch ihre schrecklichen Wirkungen haben sich nicht verändert.
Von deutschem Boden ist – Gott sei Dank – seit Ende des Zweiten Weltkrieges kein neuer Krieg ausgegangen. Die einschneidenste nationale Veränderung in Deutschland – die Wiedervereinigung 1989/1990 – ist ohne Blutvergießen vonstatten gegangen. So sehr viele Entscheidungen unserer Politiker zur Bundeswehr und zu Kriegseinsätzen deutscher Soldaten umstritten gewesen sind, so glaube ich doch sagen zu können: Die Debatten im Deutschen Bundestag wurden mit einem anderen Zungenschlag und mit einem höheren Verantwortungsbewusstsein geführt als ohne die Erinnerung und die Erfahrung des Zweiten Weltkrieges. Das Bewusstsein der Schuld und des nationalen Versagens hat uns in unserer Haltung und in unserem Verantwortungsbewusstsein gestärkt. Die Erinnerung und das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg, an die Verführung der Deutschen durch das Nationalsozialistische Regime sind deshalb unabdingbar und wichtig.
Je kleiner die Zahl der Menschen wird, die selbst den Krieg erlebt haben oder zumindest den Verlust naher Angehöriger erlebt haben, desto mehr beschäftigt uns die Frage, ob wir diese Erinnerung, das Gedenken und auch das Gefühl von Schuld nicht einfach hinter uns lassen können?
Ich meine – nein!
Vordergründig hat unser Leben nichts mehr mit Krieg zu tun, doch an allen Ecken und Enden stoßen wir an Dinge, die in ihrer heutigen Gestalt vom Krieg geprägt sind.
Die Menschen auf diesem Friedhof, unsere Eltern, Großeltern oder Angehörigen haben fast alle den Krieg erlebt.
Die Bürgerinnen und Bürger, die vor uns in den alten Häusern in Haßloch gelebt haben, haben den Krieg erlebt,
unsere Vorgänger im Beruf haben den Krieg erlebt.
Alle diese Menschen haben Spuren hinterlassen und bleibende Werke geschaffen. Sie hatten dabei die Schrecken des Krieges und das, was Menschen anrichten können vor Augen. Alle diese Dinge sind heute unsere Wurzeln.
So war z.B. mein Vorvorgänger, unser in diesem Jahr verstorbener Ehrenbürger Kurt Flockert, der noch an der gleichen Stelle im Rathaus seine Arbeit versah, Kriegsteilnehmer in Stalingrad.
In diesem Jahr haben wir ein Jubiläum unseres Heimatmuseums in der Gillergasse gefeiert und uns darüber gefreut, wie groß das Interesse der Bevölkerung an dieser Einrichtung ist. Dem lag nicht zuletzt die Erkenntnis zugrunde, dass jeder Mensch, so sehr ihn das aktuelle Leben gefangen nehmen mag, irgendwann das Bedürfnis entwickelt, auch etwas über seine Vergangenheit und seine Wurzeln zu erfahren. Und zu dieser Vergangenheit gehören auch und gerade die negativen Erfahrungen von Leid und Unfrieden. Wir können dem nicht ausweichen.
Der Volkstrauertag ist seit den Kriegen des vergangenen Jahrhunderts zu einem Ritual geworden. Dieses Ritual hilft uns, das Verborgene der Vergangenheit nicht zu verdrängen, sondern zu verarbeiten und zu verstehen.
Doch die Bedeutung des Volkstrauertages geht weiter: Er ist eine stete Mahnung zum Frieden und dafür, dass wir alle aktiv für den Frieden eintreten müssen.
Ich möchte all denen Dank sagen die mithelfen, dass dieser Gedenktag auch die Herzen unserer Bürgerinnen und Bürger erreicht:
Allen Verbänden, die alljährlich an diesem Gedenktag teilnehmen,
unseren französischen Freunden aus Viroflay, die bis zum vergangenen Jahr mit uns gemeinsam an die Feindschaft, aber auch an deren Überwindung erinnert haben,
den Chören und Musikgruppen und den
Vertretern der Kirchen, die diese Feier ausgestalten.
Mein Dank gilt nicht zuletzt den Jugendgruppen, die uns ganz besonders dabei unterstützen, die Gedanken an den heutigen Tag auch in die Zukunft weiterzutragen.
Das Anliegen des Volkstrauertages ist nicht nur vergangenheitsorientiert, sondern leider aktuell. Fast täglich erleben wir neu, welch ein empfindliches und zerbrechliches Gut der Friede ist. Machtgier und Hass, religiöser Fanatismus, Druck und Gegendruck – oft genügt nur ein Funke, um ein neues Feuer der Gewalt zu entfachen.
Der Friede braucht auch „im Kleinen“ Menschen, die ihn stiften – in den Familien, in der Gemeinschaft, in Vereinen und Gruppen. Dort sind wir nicht machtlos. Wir können die Wunden dieser Welt nicht heilen, aber wir sind für diese Welt mitverantwortlich. Jeder von uns ein Stückchen. Nur wer Frieden mit seiner eigenen kleinen Welt schließt, darf vom Frieden in der großen Welt träumen. Wenn wir dies schaffen, dann war auch das Schicksal der zahllosen Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft, von Vertreibung und politischer Willkür nicht vergeblich.
Wir verneigen uns deshalb in Ehrfurcht und Dankbarkeit vor den Toten, die für uns ihr Leben ließen.
Haßloch, 19. November 2006














